„Ich begrüße es, dass der Verband den Unternehmergeist und die Innovationskraft von kurdischen Unternehmen sichtbarer macht“

Abgeordneter des deutschen Bundestages und seit November 2008 Bundesvorsitzender der Partei Bündnis 90/Die Grünen Cem Özdemir hat ein Gespräch mit Vorstandsmitgliedern von AKEE geführt. In einem Interview erzählt er uns seine Eindrücke.

Ein Interview von Leylan Uca

Herr Özdemir, Sie haben ein Gespräch mit dem kurdischen Unternehmerverband AKEE geführt. Was können Sie uns zu dem Gespräch sagen?
Es hat mich sehr gefreut, Vertreterinnen und Vertreter von AKEE zu treffen. Es war beeindruckend zu sehen, wie aktiv sie in ganz Europa sind. Ich begrüße es, dass der Verband den Unternehmergeist und die Innovationskraft von kurdischen Unternehmen sichtbarer macht. Das ist nicht zu unterschätzen.

War Ihnen vor Ihrem Treffen mit AKEE überhaupt dieser Unternehmerverband bekannt?
Es war mein erstes Treffen.

Leider wurden die Kurden in der Vergangenheit immer negativ dargestellt, so dass es eine lange Zeit am Bekanntheitsgrad der kurdischen Community gefehlt hat. Diesbezüglich haben es auch viele kurdische Unternehmer in Europa schwer. Wie beurteilen Sie diese Situation als Türkisch-Abstämmiger, der für die Kurden Sympathien erwägt?
Die Bundesrepublik hat es Einwanderern nicht immer leicht gemacht, sich wirtschaftlich auf solide Beine zu stellen. Erst in den letzten Jahren hat sich das Bewusstsein durchgesetzt, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist. Wir sehen ja, dass die zweite und dritte Generation sich ihre Chancen besser erarbeiten können. Die Vernetzung und Unterstützung durch einen Verband wie dem Ihren ist ein Zeichen dafür und gleichzeitig auch ein Katalysator für die weitere positive Entwicklung. Darüber hinaus mache ich keinen Unterschied nach der Herkunft. Wichtig ist für mich, dass wir unsere demokratischen Werte teilen und sich alle mit Respekt begegnen. Alle Menschen müssen die gleichen Chancen erhalten.

Unter anderem gehört zu AKEE’s Zielen, den festen Bestandteil der Gesellschaft und der Volkwirtschaft im europäischen Raum aufzubauen und zu erweitern. Welche Möglichkeiten bieten sich Ihrer Meinung nach?
Die Vernetzung und das gegenseitige Lernen sind ein wichtiger Schritt. Gemeinsam ist man stärker. Hilfreich ist sicher auch, die Beratung zu Förderprogrammen von Bund und der EU, wenn es um Selbständigkeit geht. Wie junge Start-Ups ihre Projekte aufziehen, da kann man viel von lernen.

AKEE versteht sich auch als Botschafter der Menschen aus den Heimatregionen ihrer Mitglieder. Wie Sie selber wissen, herrscht in vielen Städten in Kurdistan der Ausnahmezustand und viele Orte wurden dem Boden gleichgemacht. Sie waren selber in Cizre und konnten sich ein Bild von der Wirtschaftssituation vor Ort machen. Was können Sie diesbezüglich sagen?
Die Eskalation und das Leiden der Bevölkerung sind schrecklich. Bei meinem Besuch in Cizre war ich geschockt vom Grad der Zerstörung. Cizre sieht aus wie ein Kriegsgebiet. Die Bundesregierung und die EU müssen sich vehement für einen Waffenstillstand und die Wiederaufnahme eines politischen Friedensprozesses einsetzen. Schließlich ist die Türkei ein EU-Beitrittskandidat und ein NATO-Partner. Es wird keine militärische Lösung des Konflikts geben. Das muss der türkische Staat, aber auch die PKK endlich begreifen. Der Ort für die Beendigung des Konflikts ist das Parlament.

Bis zu Beginn des Ausnahmezustandes im türkischen Teil Kurdistans verlief die Wirtschaftsroute im Bereich Cizre über die Grenze zwischen der Türkei und Irak. Allerdings ist seit dem Ausnahmezustand die Wirtschaft im Südosten gekippt. Welche Möglichkeiten bieten sich, um die Wirtschaft dort zu fördern?
Im Krieg ist es kaum möglich, die Wirtschaft zu fördern. Solange Menschen fliehen, Gewalt den Alltag bestimmt und große Unsicherheit darüber herrscht, was die Zukunft bringt, liegt die lokale Wirtschaft zwangsläufig brach. Das ist ein Grund mehr, warum wir dringend einen Waffenstillstand und einen politischen Prozess brauchen. Erst dann kann an Wiederaufbau und an Wirtschaftsförderung gedacht werden.

Natürlich ist sowohl die Wirtschaftssituation vor Ort als auch die Lebensbedingungen so zerstückelt, dass viele der dort lebenden Menschen keine Zukunft mehr dort sehen und nach Europa flüchten. Wie könnte und sollte
1. der Unternehmerverband eine Brücke zwischen dort und Europa bilden?
2. welche Rolle würden Sie zur Unterstützung Akee’s als Abgeordneter im deutschen Bundestag übernehmen?

AKEE gewinnt, wenn er hier wie dort eine Stimme der Gewaltlosigkeit und des Friedens ist und sich mit gleichgesinnten Partnern zusammen tut. Viele Unternehmen haben großes Interesse, den Flüchtlingen, die nach Europa kommen, bei ihrem Neuanfang zu helfen. Hier kann Ihr Verband mit Rat und Tat zur Seite stehen. Als Abgeordneter habe ich das Interesse, in meiner Arbeit auch die sogenannte migrantische Wirtschaft zu fördern. Politische Hürden gilt es zu beseitigen und dort, wo besondere Förderung sinnvoll ist, sollte es beraten werden. Wie alle Parlamentarier stehe ich dafür als Ansprechpartner zur Verfügung, bin aber auch auf Ihren Rat angewiesen.

Herr Özdemir, ich bedanke mich recht herzlich für das Interview!

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